Arbeitswelt: to be revised

Januar 12th, 2011

Papas alte Arbeitswelt ist fast tot. Das ist eine gute Nachricht für alle, die nicht in Werkshallen oder Büros im Acht-Stunden-Takt versauern wollen. Das ist gut für Holm Friebe, Sascha Lobo, viele andere Kreative, das ist auch gut für mich. Mein eigenes dreigeteiltes Multijobbingmodell mit der Freiberuflichkeit als Autor im Zentrum möchte ich um nichts in der Welt wieder hergeben. Für andere ist es eine schlechte Nachricht. Nicht, weil sie unbedingt wie Papa arbeiten wollten, sondern weil sie die Orientierung verloren haben, sie gehen am Stock, tasten im Nebel. Sie trauern vielleicht sogar der Sicherheit von Papas Arbeitswelt hinterher. Über die Verunsicherten muss man auch reden.

Vor allem müssen wir über die neue Arbeitswelt reden. Friebe und Lobo tun das. Die Diskussionen, die sie mit angestoßen haben, waren längst fällig. Die Gründe für die Notwendigkeit müssen wir hier nicht noch einmal aufzählen, Friebe nennt einen Teil davon in „Digitale Bohème revisited“ (www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=digitalebohemerevisited&nr=35). Ob der Bohème-Begriff als Zeitdiagnose geeignet ist, interessiert mich an dieser Stelle weniger. Seine Funktion als Schlagwort erfüllt er jedenfalls hervorragend, und das, denke ich, auch legitimerweise, denn Schlagworte wecken Diskussionswillen.

„Wir nennen es Arbeit“ legt den Finger auf eine Scharnierstelle der ganzen Debatte: die Selbstbestimmung. Selbstbestimmung in der Arbeit wird heute befördert, aber auch gefordert und damit gleich wieder in Frage gestellt. Die technischen Möglichkeiten, frei zu arbeiten sind sicherlich so groß wie nie. Prinzipiell stehen sie jedem und jeder offen, also auch den Prekarisierten, sollte man meinen. Aber: Der Druck zur Eigenverantwortung, der durch die Flexibilisierung der Erwerbsformen und durch die sogenannte Aktivierungspolitik entsteht, macht Selbstbestimmung paradox: Der Arbeitsmarkt bestimmt, dass ich selbstbestimmt zu arbeiten habe. Vor allem aber ist die „lebenstaktische Entscheidung für mehr Autonomie“ nur für diejenigen möglich, die sie auch praktisch umsetzen können (und wollen). Es gibt Grade der Erträglichkeit von selbstbestimmter Arbeit, die individuell verschieden sind. Das Kontinuum ist weit: Manch einer braucht Freiheit so weit sie irgendwie reicht, er kann und will alles in Eigenregie organisieren, planen, durchziehen, kontrollieren. Andere wiederum können nicht ohne Weisungen von außen. Um sich frei zu fühlen, reicht ihnen, sich aussuchen zu können, welche Farbe ihr Kugelschreiber hat. Und viele brauchen die Sicherheit zu wissen, welcher Betrag am Monatsende auf ihrem Konto steht.

Es gehört auch zur Selbstbestimmung dazu, ohne Existenzangst nach seinem persönlichen Grad an Freiheit leben zu können. Selbstbestimmung braucht Sicherheit, für den einen mehr davon, für die andere weniger. Sie braucht daneben Gerechtigkeit im Ausgleich der Chancen sowie der Lasten und Risiken. Soloselbstständigkeit ist nur unter diesen Bedingungen ein Teil der Lösung des Prekaritätsproblems. Über diese Bedingungen müssen wir reden.

Dabei muss offensichtlich niemand dafür sorgen, dass die technischen Mittel zur Realisierung des Wunsches nach Selbstbestimmung erst zur Verfügung gestellt werden. Auch um die Entwicklung neuer Erwerbsmodelle braucht sich keiner extra zu kümmern. Die Arbeitssammler und digitalen Bohémiens sprudeln schon über davon. Es fehlt eher an fundamentaleren Dingen, an einem fairen und ausreichenden Einkommen zum Beispiel. Die Fähigkeit, Selbstbestimmung und ein robustes Einkommen zu verbinden, hängt nämlich nicht bloß von individuellen Kompetenzen ab. Es ist nicht so, als könnte sich jeder das robuste Einkommen irgendwo vom Baum pflücken, wenn er nur eine Leiter hätte. Manche Bäume tragen einfach zu wenig Früchte.

Eine Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache (deren Job es unter anderem ist, Anderen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen) hat kein Interesse daran, zur Contentproviderin für web-basierte Selbstpräsentationen von Firmen zu werden. Sie möchte in ihrem Beruf arbeiten und mehr als die 15 Euro pro Stunde dafür verdienen (wovon ihr netto vielleicht 5 bleiben). Sie möchte endlich davon leben können. Ohne Rücklagen könnte sie den Job auch gar nicht wechseln, das Risiko wäre ihr zu groß. Und wovon lebt sie im Alter?

„Soziale Sicherung“ scheint ganz dem Thesaurus aus Papas alter Arbeitswelt anzugehören. Die Idee ist aber nicht tot, das darf sie gar nicht sein, weil viele Erwerbstätige sie noch brauchen. Nicht der Wunsch nach Sicherheit ist falsch, sondern die starre und ungerechte Form, in der die sozialen Sicherungssysteme ihm heute zu entsprechen versuchen. Sie hinken den wandelbaren und mit Überraschungen gespickten Berufsbiographien der neuen Arbeitswelt weit hinterher. Mindestens für den Übergang braucht es eine bewegliche Sicherung, danach mag uns ja etwas anderes einfallen, wie wir flexibel und gesichert zugleich arbeiten können. Die Arbeitssammler versuchen das bereits.

Das alles mag Holm Friebe auch so sehen, er redet nur gerade nicht darüber. Warum eigentlich nicht?

 

Deppen der Nation

Mai 20th, 2010

Wie recht er hat, der ressortüberschreitende Agent provocateur aus dem Bundeskabinett, dessen Namen man an dieser Stelle nicht mehr nennen muß: „Wer arbeitet, darf nicht zum Deppen der Nation gemacht werden“. Aber warum ätzt er in Richtung der unerheblich wenigen, die tatsächlich nicht arbeiten, weil sie nicht wollen? Wenn mir eine Ameise auf den Schuh krabbelt, kann ich auch nicht jammern: Jetzt kann ich aber nicht mehr laufen!

Laufen tut es allerdings tatsächlich nicht richtig mit der Arbeit. Ganz besonders nicht für die vielen, die welche haben, mehr als sie sich wünschen, aber trotzdem kein Einkommen damit erwirtschaften, das zum Leben reicht. An Faulheit liegt das nicht. Wenn man nach motivierten Menschen sucht, findet man sie mit Sicherheit und in großer Zahl unter den Multijobbern, den kleinen Soloselbständigen, den geringfügig Beschäftigten, die nebenher noch unbezahlte Ehrenämter bekleiden. An einer zu geringen Qualifikation liegt es auch nicht. Prekäre Beschäftigung ist längst keine Domäne der zynischerweise so genannten „bildungsfernen Schichten“, sondern zunehmend die von Universitätsabsolventen und Mehrfachqualifizierten, Bankern und Ingenieurinnen. Die Deppen bevölkern alle Qualifikationsniveaus.

Nicht über Wohlstand ohne Anstrengung sollten wir also reden, sondern über Anstrengung ohne Wohlstand. Zu viele Erwerbstätige haben sich für eine gute Ausbildung abgestrampelt, strampeln sich jetzt mit ihren unsicheren Beschäftigungen weiter ab in dem Bemühen, nicht nach unten durchzurutschen. In puncto Einkommen und sozialer Sicherheit sind sie dem Hartz IV-Niveau ohnehin schon bedrohlich nahe, einige liegen bereits darunter. Eigentlich müßten sie sich mit denen solidarisch fühlen, die vor ihnen unten angekommen sind. Aber wer schaut schon gern in den Abgrund, über dem er mühsam die Balance hält. Stattdessen engagieren sie sich weiter für ein Leben, das sie nun nebenbei zu „Deppen der Nation“ gemacht hat.

Wer hat sie in diese Rolle gebracht? Sicher nicht die paar Arno Dübels, die sich generell allem verweigern. Wohl eher ein sinkendes Reallohnniveau, der steigende Anteil atypischer Beschäftigung unter Erwerbstätigen, eine schwellende Selbständigenquote, zu der insbesondere der rasante Anstieg der Zahl der Soloselbständigen gehört – alles Dinge, die die Wirtschafts- und die Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte befördert hat und gegen die sie immer noch ansteuern könnte. Wohl auch die Tatsache, daß es viel Arbeit gibt, die nichts zum Einkommen beiträgt: unbezahlte Bürger-, Pflege-, Haus-, oder Betreuungsarbeit zum Beispiel. Dazu muß man auf der anderen Seite auch die ungezählten Überstunden von Arbeitnehmern oder die zusätzlichen Leistungen von Kleinselbständigen zählen, die aus der Angst heraus geleistet werden, vom Arbeitgeber beziehungsweise vom Markt aussortiert zu werden. Das sind die Ursachen für die vielen Einkommen ohne Subsistenz, für die wachsende Prekarität trotz Anstrengung, die allmählich zum großen Problem für unsere Arbeitsgesellschaft wird.

Sie wären eine Sache der Politik für die Leistungswilligen – sprich: für uns alle – die man aber lieber als rhetorische Wolke ausbläst, statt wirklich etwas dafür zu tun. Ziele verschleiern statt Nötiges leisten. Schlau, das.

Peter Plöger

 

erschienen in “Der Freitag”, 11. März 2010

 

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Mai 19th, 2010

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