Deppen der Nation

Wie recht er hat, der ressortüberschreitende Agent provocateur aus dem Bundeskabinett, dessen Namen man an dieser Stelle nicht mehr nennen muß: „Wer arbeitet, darf nicht zum Deppen der Nation gemacht werden“. Aber warum ätzt er in Richtung der unerheblich wenigen, die tatsächlich nicht arbeiten, weil sie nicht wollen? Wenn mir eine Ameise auf den Schuh krabbelt, kann ich auch nicht jammern: Jetzt kann ich aber nicht mehr laufen!

Laufen tut es allerdings tatsächlich nicht richtig mit der Arbeit. Ganz besonders nicht für die vielen, die welche haben, mehr als sie sich wünschen, aber trotzdem kein Einkommen damit erwirtschaften, das zum Leben reicht. An Faulheit liegt das nicht. Wenn man nach motivierten Menschen sucht, findet man sie mit Sicherheit und in großer Zahl unter den Multijobbern, den kleinen Soloselbständigen, den geringfügig Beschäftigten, die nebenher noch unbezahlte Ehrenämter bekleiden. An einer zu geringen Qualifikation liegt es auch nicht. Prekäre Beschäftigung ist längst keine Domäne der zynischerweise so genannten „bildungsfernen Schichten“, sondern zunehmend die von Universitätsabsolventen und Mehrfachqualifizierten, Bankern und Ingenieurinnen. Die Deppen bevölkern alle Qualifikationsniveaus.

Nicht über Wohlstand ohne Anstrengung sollten wir also reden, sondern über Anstrengung ohne Wohlstand. Zu viele Erwerbstätige haben sich für eine gute Ausbildung abgestrampelt, strampeln sich jetzt mit ihren unsicheren Beschäftigungen weiter ab in dem Bemühen, nicht nach unten durchzurutschen. In puncto Einkommen und sozialer Sicherheit sind sie dem Hartz IV-Niveau ohnehin schon bedrohlich nahe, einige liegen bereits darunter. Eigentlich müßten sie sich mit denen solidarisch fühlen, die vor ihnen unten angekommen sind. Aber wer schaut schon gern in den Abgrund, über dem er mühsam die Balance hält. Stattdessen engagieren sie sich weiter für ein Leben, das sie nun nebenbei zu „Deppen der Nation“ gemacht hat.

Wer hat sie in diese Rolle gebracht? Sicher nicht die paar Arno Dübels, die sich generell allem verweigern. Wohl eher ein sinkendes Reallohnniveau, der steigende Anteil atypischer Beschäftigung unter Erwerbstätigen, eine schwellende Selbständigenquote, zu der insbesondere der rasante Anstieg der Zahl der Soloselbständigen gehört – alles Dinge, die die Wirtschafts- und die Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte befördert hat und gegen die sie immer noch ansteuern könnte. Wohl auch die Tatsache, daß es viel Arbeit gibt, die nichts zum Einkommen beiträgt: unbezahlte Bürger-, Pflege-, Haus-, oder Betreuungsarbeit zum Beispiel. Dazu muß man auf der anderen Seite auch die ungezählten Überstunden von Arbeitnehmern oder die zusätzlichen Leistungen von Kleinselbständigen zählen, die aus der Angst heraus geleistet werden, vom Arbeitgeber beziehungsweise vom Markt aussortiert zu werden. Das sind die Ursachen für die vielen Einkommen ohne Subsistenz, für die wachsende Prekarität trotz Anstrengung, die allmählich zum großen Problem für unsere Arbeitsgesellschaft wird.

Sie wären eine Sache der Politik für die Leistungswilligen – sprich: für uns alle – die man aber lieber als rhetorische Wolke ausbläst, statt wirklich etwas dafür zu tun. Ziele verschleiern statt Nötiges leisten. Schlau, das.

Peter Plöger

 

erschienen in “Der Freitag”, 11. März 2010

 


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